Ein Mann kam zum Grab seiner verstorbenen Frau und sah zwei Zwillingsschwestern, die auf der kalten Erde saßen und weinten. Als sie ihn sahen, flüsterte eines der Mädchen leise:
„Sag ihm nichts, er darf nichts wissen.“
Der Mann kam früh am Morgen auf den Friedhof – als sich der Nebel noch nicht verzogen hatte und die Erde kalt und feucht war. In seinen Händen hielt er weiße Blumen, genau die, die seine Frau zu Lebzeiten geliebt hatte. Sie war erst vor wenigen Monaten gestorben, und noch immer konnte er nicht glauben, dass die Frau, die er liebte, nicht mehr lebte.

Als er sich dem Grab seiner verstorbenen Frau näherte, blieb er stehen. Direkt vor dem Grabstein, auf der nassen Erde, knieten zwei Mädchen. Zwillingsschwestern. Sie schmiegten sich aneinander, weinten herzzerreißend, ihre Hände waren voller Schlamm, ihre Knie durchnässt – doch es schien, als bemerkten sie das gar nicht.
Der Mann war verwirrt. Er hatte diese Kinder noch nie gesehen. Seine Frau hatte kaum noch Verwandte, und schon gar keine Nichten oder Patenkinder.
— Wer… wer seid ihr? Das ist das Grab meiner Frau, — fragte er leise, aus Angst, sie zu erschrecken.
Eine der Schwestern sah plötzlich ihre Schwester an und flüsterte mit Angst in den Augen so, dass der Mann es nicht hören sollte:
— Sag ihm nichts, er darf nichts wissen.
Als der Mann erfuhr, wer diese Zwillinge wirklich waren, war er entsetzt …

— Bitte, erklärt es mir. Ich werde euch nichts tun. Ich schwöre es!
Die Mädchen blickten ihn mit tränenüberströmten Augen an. Eines von ihnen flüsterte:
— Wir sind zu Mama gekommen …
Die Worte trafen ihn härter als jeder Schlag.
— Zu welcher Mama? — entfuhr es ihm.
Das zweite Mädchen antwortete mit zitternder Stimme:
— Zu unserer. Sie ist hier begraben.
Der Mann spürte, wie ihm die Beine nachgaben. Langsam ließ er seinen Blick über das Foto auf dem Grabstein gleiten — und dann wieder über die Gesichter der Mädchen. Dieselben Augen. Dieselbe Augenbrauenlinie. Dasselbe Lächeln, kaum sichtbar durch die Tränen.
In diesem Moment fügte sich die Wahrheit, die ihm den Atem raubte, zu einem Ganzen zusammen.
Viele Jahre zuvor war seine Frau für mehrere Monate verschwunden und hatte gesagt, sie müsse „mit der Vergangenheit ins Reine kommen“. Er hatte keine Fragen gestellt. Er hatte ihr vertraut. Und nun saßen vor ihm zwei lebendige Geheimnisse, von deren Existenz er nichts geahnt hatte.

— Wir kommen aus einem Kinderheim, — fügte eine der Schwestern leise hinzu. — Man hat uns gesagt, dass Mama gestorben ist … und dass sie wollte, dass wir zu ihr kommen, wenn wir älter sind.
Der Mann ließ sich neben ihnen auf die kalte Erde sinken.
An diesem Tag verließ er den Friedhof nicht allein. Und das Leben, das er für beendet gehalten hatte, begann von Neuem — mit zwei kleinen Händen, die sich fest in seine legten.