Während die Mutter bei der Beerdigung ihres Sohnes stand, hörte sie plötzlich eine Stimme und lief zum geschlossenen Sarg. Kaum hatte sie ihn geöffnet, schrie sie auf bei dem, was sie darin sah, und alle Anwesenden erstarrten bei diesem Anblick …

Während die Mutter bei der Beerdigung ihres Sohnes stand, hörte sie plötzlich eine Stimme und lief zum geschlossenen Sarg. Kaum hatte sie ihn geöffnet, schrie sie auf bei dem, was sie darin sah, und alle Anwesenden erstarrten bei diesem Anblick …

Der Herbstwind schnitt scharf durch die Luft, während kalter Regen in feinen Tropfen fiel. Die Menschen, die auf den Friedhof gekommen waren, um sich vom Verstorbenen zu verabschieden, zitterten und wickelten sich enger in ihre Schals und Mantelkragen. Alle hatten nur einen Wunsch: dass alles so schnell wie möglich vorbei sein möge.

Nur die Mutter blieb am Sarg stehen. Sie bemerkte weder die Kälte noch den Regen. Der Schmerz zerriss sie innerlich. Es schien, als würde ihr Herz jeden Moment vor Verzweiflung zerbrechen.

Tränen liefen über ihre eingefallenen, grauen Wangen und vermischten sich mit den Regentropfen. Von Zeit zu Zeit berührte sie ihr Gesicht mit einem nassen Taschentuch und blickte nur auf einen Punkt vor sich: auf den geschlossenen Sargdeckel. Dort drinnen lag ihr kleiner Junge, ihr einziges Kind, der Sinn ihres Lebens, der nicht mehr da war.

Und sie konnte ihn nicht ein letztes Mal sehen. Sie konnte seine geschlossenen Augen, seine Stirn und seine Wangen nicht küssen. Sie konnte seine Hände und Schultern nicht streicheln. Sie konnte gar nichts tun.

Der Sarg war hermetisch verschlossen. Man hatte ihr gesagt, dass es so sein müsse und dass es besser so sei. Aber war es jetzt wirklich besser? Das Leben war vorbei.

Neben der Mutter stand eine andere Frau, jung und schön. Seltsamerweise stand ihr die Trauerkleidung ausgezeichnet und betonte ihre feinen Gesichtszüge, wodurch sie eine gewisse aristokratische Blässe erhielt. Manchmal wischte sie sich mit ihren schlanken Fingern die Tränen ab und seufzte tief.

Und doch schaute sie nicht auf den Sarg. Ihr Blick war auf den grauen Himmel gerichtet, während ihre leicht geschwollenen Lippen leise etwas flüsterten. Wahrscheinlich Abschiedsworte.

Die Menschen flüsterten miteinander und wunderten sich darüber, wie eine so schöne Frau schon in so jungen Jahren Witwe werden konnte und wie ungerecht dieses Schicksal war. Dann sagten sie sofort, dass es Zeit sei, die Zeremonie zu beenden, weil die Mutter, Catherine, ohnmächtig werden und zusammen mit ihrem Sohn ins Grab fallen könnte.

Aber Catherine hörte nichts und nahm nichts wahr. Sie erinnerte sich. Bilder aus der Vergangenheit blitzten wie ein Kaleidoskop in ihrem Bewusstsein auf. Sie spürte weder den kalten Regen noch den Wind; es gab nur Schmerz und Erinnerungen.

Sie war erst zwanzig Jahre alt. Sie lief zu Michael, um ihm zu sagen, dass sie ein Kind bekommen würden, glücklich und voller Freude. Es war Frühlingsanfang. Unter ihren Füßen bildeten sich Pfützen, und die Sonne zeigte sich hin und wieder.

Catherine schloss die Augen und lächelte. Sie würde zu ihm gehen, ihm alles erzählen, er würde sie in die Arme nehmen, und gemeinsam würden sie zum Standesamt laufen, um die Heirat anzumelden. Es konnte gar nicht anders sein, denn Michael liebte sie so sehr.

Doch die Tür seiner Wohnung wurde von einem anderen Mädchen geöffnet, das Michaels Hemd trug. Catherine sagte nichts und trat einen Schritt zurück. Michael erschien hinter dem Mädchen und schenkte ihr ein spöttisches Lächeln.

Das Mädchen lächelte verächtlich und sah Catherine an. Sie erinnerte sich später nicht einmal daran, wie sie davongelaufen war. Sie kam erst im Wohnheim wieder zu sich.

Die Mädchen umringten sie, trösteten sie und sagten, Michael würde bestimmt zurückkommen, um sich zu entschuldigen. Aber er kam nicht zurück. Später erfuhr Catherine, dass Michael dieses Mädchen geheiratet hatte.

Catherine kehrte zu ihrer Mutter zurück. Dort wurde ihr Aiden geboren – ihre kleine Sonne, ihr Licht. Catherine war ihrer Mutter zutiefst dankbar für ihre Unterstützung und dafür, dass sie sich trotz des Geredes der Leute nicht von ihr abgewandt hatte.

Denn es galt als Schande, dass ihre Tochter schwanger geworden war, ohne ihre Ausbildung abzuschließen, und die Schule verlassen hatte. Doch ihre Mutter, eine starke Frau, brachte die Gerüchte zum Schweigen. Die Menschen begegneten ihr mit Respekt, denn Martha Wilson war keine gewöhnliche Frau; sie war Vorsitzende des Stadtrates.

Da sie selbst schon jung Witwe geworden war, wusste sie, wie schwer das Leben sein konnte, unterstützte ihre Tochter aber immer und sagte ihr, dass sie noch glücklich werden würde. Doch welches Glück brauchte Catherine noch, wenn sie bereits alles hatte, was sie wollte: ihren kleinen Sohn, den Sinn ihres Lebens?

Später, als Aiden größer wurde und in den Kindergarten ging, beendete Catherine ihre Ausbildung und begann, in der Schule zu arbeiten.

Mit der Zeit verstanden die Dorfbewohner, dass Catherine nicht zu diesen leichtsinnigen Mädchen gehörte. Sie war ernsthaft, klug und eine gute Mutter – sie hatte einfach einen Fehler gemacht. Mehr nicht.

So etwas passiert. Viele gute Männer kamen, um um ihre Hand anzuhalten, aber Catherine lehnte sie alle ab. Wer würde schon das Kind eines anderen Mannes wollen? Sie war überzeugt: niemand.

Sie hatte Angst, dass ein fremder Mann ihrem Kind wehtun könnte. Nein, das war es nicht wert …

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