Zwei obdachlose Kinder erbten das alte Berghaus ihrer armen Großmutter, doch als sie hineingingen, erwartete sie dort etwas, womit sie überhaupt nicht gerechnet hatten.
Der Brief kam am Dienstagmorgen. Der Umschlag war zerknittert und vom Regen durchnässt. Alex wollte ihn zuerst zusammen mit der restlichen Post wegwerfen.

Er und seine jüngere Schwester Marta schliefen schon fast einen Monat lang hinter einem Supermarkt am Stadtrand. Manchmal fanden sie alte Kartons und legten sie zwischen die Wand des Geschäfts und die Müllcontainer, um sich wenigstens ein wenig vor dem Wind zu schützen.
Post kam selten auf ihren Namen. Meistens waren es Rechnungen oder irgendwelche Mahnungen. Doch dieser Umschlag sah anders aus. Weiß, dick und mit sorgfältig gedruckten Namen.
— Alex, schau… — sagte Marta leise und strich sich die Haare aus der Stirn. — Hier steht, dass er von einem Anwalt ist.
Er runzelte die Stirn.
Ihre Großmutter war zwei Monate zuvor im Bezirkskrankenhaus gestorben. Sie hatten es nicht geschafft, sie vor ihrem Tod zu besuchen. Sie hatten kein Geld für die Reise, und Verwandte, die ihnen hätten helfen können, gab es auch nicht.
Die Großmutter hatte immer sehr bescheiden gelebt. Nach dem Tod ihrer Mutter war sie in die Berge gezogen und lebte dort allein in einem alten Holzhaus.
Sie hatte nie über Geld oder ein Erbe gesprochen.
Alex öffnete langsam den Umschlag. Darin lag ein offizielles Dokument von einem Anwalt namens Mister Carter.
Alex las die ersten Zeilen, runzelte die Stirn und las sie dann noch einmal.
In dem Brief stand, dass er und seine Schwester die einzigen Erben des Besitzes ihrer Großmutter in den Bergen seien.
— Welcher Besitz? — fragte Marta überrascht.
Alex hob langsam den Kopf.
— Ihr Haus in den Bergen.
Drei Tage später standen sie auf einer schmalen Straße, die hinauf in den Wald führte.
Der Bus hatte sie nur bis zu einem kleinen Dorf am Fuß der Berge gebracht. Den Rest des Weges mussten sie zu Fuß gehen. Die Luft roch nach feuchter Erde, Kiefern und Kälte. Nebel zog langsam zwischen den Bäumen entlang.
Marta hielt die Hand ihres Bruders fest.
— Ich erinnere mich an diesen Ort — sagte sie leise. — Oma hat auf der Veranda immer Apfelmarmelade gekocht.
Durch den Nebel erschien langsam das Haus. Es sah alt und verlassen aus. Die Bretter der Wände waren dunkel geworden. Auf dem Dach fehlten einige Platten. Die Veranda war schief und die Fenster dunkel.

Das Haus sah arm aus. Aber jetzt gehörte es ihnen.
Am Tor erwartete sie der Anwalt.
Ein Mann in einem strengen Mantel mit einer ordentlichen Mappe in der Hand, der sich neben den zwei dünnen Jugendlichen sichtlich unwohl fühlte.
— Ihre Großmutter hat alles sehr klar festgelegt — sagte er und rückte seine Brille zurecht. — Dieses Haus gehört Ihnen beiden.
Er reichte Alex ein Bündel alter Messingschlüssel.
Marta drückte die Hand ihres Bruders noch fester.
Die Schlüssel waren überraschend schwer.
Alex öffnete die Tür.
Und genau in diesem Moment verstanden sie, dass ihre Großmutter ihnen nicht einfach nur ein altes Haus hinterlassen hatte.
Als sie begannen, das Haus zu erkunden, bemerkte Alex ein seltsames Brett im Boden. Es bewegte sich leicht, als wäre es schon einmal angehoben worden. Er hockte sich hin, fuhr mit den Fingern über den Rand und hob es vorsichtig mit einem Messer an.
Das Brett hob sich. Unter dem Boden lag eine Metallkiste.
Marta hielt den Atem an, während Alex sie aus dem Versteck zog. Die Kiste war schwer. Er öffnete den Deckel und beide erstarrten.
Darin lagen ordentlich gebündelte Geldscheine, einige Dokumente und ein alter Umschlag.
Auf dem Umschlag stand: „Für Alex und Marta“.
Alex öffnete langsam den Brief. Die Handschrift gehörte der Großmutter.
„Wenn ihr diesen Brief lest, bedeutet das, dass ihr mein Haus gefunden habt. Ich wusste, dass es für euch eines Tages schwer werden würde. Ich konnte euch keinen großen Reichtum hinterlassen, aber hier ist genug Geld, damit ihr ein neues Leben beginnen könnt. Dieses Haus war immer euer wahres Zuhause. Kümmert euch darum und kümmert euch umeinander.“

Marta begann leise zu weinen.
Alex sah lange auf den Brief und hob dann langsam den Blick zu den alten Wänden des Hauses.
Zum ersten Mal seit langer Zeit verstanden sie, dass sie nicht mehr auf der Straße schlafen würden.
Jetzt hatten sie ein Zuhause.