Im Gefängnis Ravensholm galt der Häftling namens Erik Larsen als seltsamer Mensch. Er war achtundfünfzig Jahre alt, siebzehn davon hatte er in der Zelle Nr. 214 wegen eines Verbrechens verbracht, über das er fast nie sprach.
Erik hatte eine Angewohnheit, die weder die Mitgefangenen noch die Wärter verstehen konnten. Jeden Abend nach dem Abendessen ließ er einen Teil des Essens auf einem kleinen metallenen Teller neben dem Lüftungsgitter im unteren Teil der Wand zurück.

— Fütterst du schon wieder deinen unsichtbaren Freund? — spottete einmal der Wärter Martin Keller.
Erik antwortete nichts. Er schob den Teller nur näher an das Gitter und kehrte zu seiner Koje zurück.
So ging es jahrelang weiter. Manchmal verschwand ein Stück Brot, manchmal Fleisch, und morgens war der Teller fast immer leer. Die Wärter dachten, dass Ratten das Essen durch die Lüftung holten, aber Erik behauptete das Gegenteil.
— Das ist keine Ratte.
— Wer dann?
Erik sah Martin an und antwortete ruhig:
— Derjenige, der mir einmal das Leben gerettet hat.
Martin lachte, aber er konnte nichts weiter aus dem Gefangenen herausholen.
Eines Winters brach im Gefängnis ein Feuer aus. Der Brand begann nachts im Wirtschaftsraum, und dichter Rauch breitete sich schnell durch den alten Lüftungskanal aus.
Die Alarmanlage löste nicht sofort aus.
Erik schlief, als er plötzlich von einem scharfen Kratzen aufwachte.
Etwas kratzte verzweifelt am Metallgitter.
Er öffnete die Augen und sah Rauch.
— Wache! Feuer!
Seine Schreie weckten den ganzen Block. Die Häftlinge konnten noch rechtzeitig herausgebracht werden, und nach wenigen Minuten war der Flur bereits mit dichtem Rauch gefüllt.
Nach diesem Vorfall dachte Martin zum ersten Mal über Eriks Worte nach. Jemand befand sich tatsächlich hinter dem Gitter und hatte ihn vor der Alarmanlage geweckt.
Aber wer?
Es gab keine Antwort.
Es vergingen weitere Jahre. Der Zustand des alten Gefängnisgebäudes verschlechterte sich, und die Leitung beschloss, eine umfassende Renovierung durchzuführen. Die Häftlinge wurden vorübergehend in einen anderen Trakt verlegt, und die Arbeiter begannen, die Wände der Zellen abzureißen.
Als die Reihe an Nr. 214 kam, rief einer der Arbeiter den Vorgesetzten.
— Herr Keller, das sollten Sie sich besser ansehen.
Martin war inzwischen Schichtleiter. Er betrat die leere Zelle und sah, dass ein Teil der Wand neben dem Lüftungsgitter abgetragen war.
Dahinter befand sich ein enger technischer Tunnel, dessen Existenz nicht einmal auf den modernen Bauplänen verzeichnet war.
Auf dem Boden lagen Stofffetzen, Papier, alte Plastikdeckel und Dutzende kleiner Gegenstände.
Und in der hintersten Ecke richtete der Arbeiter seine Taschenlampe auf eine kleine Nische.
Dort lag ein Hund.
Alt, sehr mager, mit grauer Schnauze.
Martin traute seinen Augen nicht.
Das Tier hatte irgendwie jahrelang in dem verlassenen System technischer Gänge des alten Gefängnisses gelebt.
Aber das Seltsamste war etwas anderes.
Als der Tierarzt den Hund untersuchte, entdeckte er an dessen Hals ein fast vollständig unter dem Fell verstecktes, altes Lederhalsband.
Auf der Metallplakette konnte man noch den Namen entziffern:
OSCAR.
Martin spürte, wie seine Hände kalt wurden.
Er hatte diesen Namen schon einmal gehört.
Vor vielen Jahren.
Er forderte sofort, Erik herzubringen.

Als der Häftling die alte Zelle betrat und den Hund sah, erlebte Martin zum ersten Mal in all den Jahren, wie dieser schweigsame Mann die Fassung verlor.
— Oscar…
Der Hund hob den Kopf.
Ein paar Sekunden lang sah er ihn nur an.
Dann versuchte er aufzustehen.
Erik sank auf die Knie.
Der alte Hund ging langsam auf ihn zu und legte seine Schnauze auf seine Schulter.
— Du hast mich also doch erwartet, — flüsterte der Mann.
Später erzählte Erik die Geschichte, die er siebzehn Jahre lang niemandem erzählt hatte.
Vor dem Gefängnis hatte er als Rettungsschwimmer gearbeitet. Oscar war der Suchhund seines Teams. Bei einem der Einstürze war es der Hund, der Erik unter den Trümmern entdeckte und stundenlang nicht von der Stelle wich, bis die Retter ihn erreichten.
Einige Jahre später zerbrach Eriks Leben. Nach einer Familientragödie begann er zu trinken, und eines Nachts setzte er sich betrunken ans Steuer. Es kam zu einem Unfall, bei dem ein Mensch starb.
Erik bekannte sich schuldig und erhielt eine lange Haftstrafe.
Oscar wurde einem Bekannten übergeben, aber nach einigen Monaten verschwand der Hund.
Erik dachte, der Hund sei längst tot.
— Wie ist er dann hierhergekommen? — fragte Martin.
Erik schüttelte den Kopf.
Niemand wusste es.
Die Lösung fand sich zwei Tage später.
Im Archiv war eine Aufzeichnung von der Kamera an den alten Wirtschaftstoren erhalten geblieben. Vier Monate nach Eriks Inhaftierung war tatsächlich ein Hund auf dem Gefängnisgelände aufgetaucht. Er hatte mehrere Tage am Zaun herumgestreift und war dann verschwunden.
Wahrscheinlich war Oscar durch einen beschädigten Wasserabfluss in den verlassenen Techniktunnel eingedrungen und hatte auf irgendeine Weise die Lüftung der Zelle seines Herrchens gefunden.
Seitdem fütterte Erik ihn durch das Gitter.
— Aber warum hast du es niemandem gesagt? — fragte Martin.
— Hätte ich es gesagt, hätten sie ihn weggenommen.
— Du hast siebzehn Jahre lang einen Hund mit den Resten deines Abendessens gefüttert?
Erik sah den alten Oscar an.
— Nein. Die ersten Jahre habe ich ihn gefüttert.
Er schwieg.

— Und dann begriff ich, dass er all die Zeit auch meinetwegen hiergeblieben war.
Drei Monate später genehmigte die Kommission überraschend Eriks vorzeitige Entlassung auf Bewährung. Als sich die Gefängnistor öffneten, wartete keiner seiner Verwandten auf ihn.
Nur Martin.
Und Oscar.
Erik hockte sich vor den Hund und richtete vorsichtig das neue Halsband.
— Na, alter Freund? Jetzt nach Hause?
Oscar wedelte langsam mit dem Schwanz.
Und zum ersten Mal nach siebzehn Jahren gingen sie beide gemeinsam durch das Gefängnistor hinaus.